Apothekensterben in Hessen: Ursachen und Entwicklung seit 2013
Der Rückgang der Apotheken in Hessen kam nicht über Nacht: Seit Jahren sinkt die Zahl der Betriebe, und die Ursachen reichen weit zurück. Nachdem wir im ersten Beitrag der Frage nachgegangen sind, wie weit der Weg zur nächsten Apotheke in Hessen ist, geht es hier um das Woher: Wie ist die Lage entstanden?
Auf einen Blick
- 2024 verlor Hessen unter dem Strich 45 Apotheken, 2025 schlossen 34, nur zwei eröffneten neu.
- In 15 Jahren ist die Zahl um mehr als 25 Prozent gesunken, Ende 2025 waren es 1.273.
- Das Packungshonorar blieb seit 2013 unverändert; erst im Juli 2026 stieg es von 8,35 auf 9 Euro.
- Kammerpräsident Christian Ude nennt als Gründe vor allem die wirtschaftliche Lage und den Personalmangel.
Wie viele Apotheken hat Hessen in den vergangenen Jahren verloren?
Die dpa meldete am 1. März 2025 unter Berufung auf Hessens Kammerpräsidenten Christian Ude: Im Jahr 2024 hat das Land unter dem Strich 45 Apotheken verloren, landesweit gab es danach noch rund 1.300 Betriebe. Ein Jahr später, am 30. Januar 2026, veröffentlichte die Landesapothekerkammer ihre Zahlen für 2025. Demnach schlossen 34 Apotheken, zwei wurden neu eröffnet, und Ende 2025 zählte Hessen 1.273 Apotheken. Über die vergangenen 15 Jahre ergibt sich ein Minus von mehr als 25 Prozent. Die hessenschau schreibt, fast jede vierte Apotheke im Land sei in diesen 15 Jahren verschwunden.
Auch 2026 setzt sich das fort. Die Pharmazeutische Zeitung zählte für das zweite Quartal in Hessen vier Schließungen und keine Neueröffnung, der Bestand lag danach bei 1.262 Apotheken. Bundesweit sank die Zahl bis Ende 2025 auf 16.601 Betriebsstätten, den niedrigsten Stand seit 1977. Hessen ist mit dieser Entwicklung also kein Sonderfall, sondern Teil eines bundesweiten Trends.
Was steckt hinter dem Rückgang?
Die Landesapothekerkammer sieht den Hauptgrund im sogenannten Packungshonorar. Für jede abgegebene Packung eines verschreibungspflichtigen Arzneimittels erhalten Apotheken einen festen Betrag. Dieses Fixum wurde seit 2013 nicht angepasst und lag zuletzt bei 8,35 Euro. In der gleichen Zeit sind die Betriebskosten gestiegen. Die Ankündigung zum bundesweiten Protesttag am 23. März 2026 nannte einen Anstieg der Betriebskosten um mehr als 65 Prozent seit der letzten Erhöhung. Wirtschaftliches Arbeiten werde für Inhaberinnen und Inhaber dadurch immer schwieriger, so die Kammer.
Dazu kommt der Personalmangel. Ude sagte 2025 gegenüber der dpa, die Gründe lägen vor allem in der wirtschaftlichen Lage und im Mangel an Fachkräften. Eine Apotheke braucht approbierte Apothekerinnen und Apotheker sowie weiteres geschultes Personal. Fehlt das Team oder findet sich keine Nachfolge, bleibt am Ende oft nur die Schließung. Ein Apotheker aus Ebersburg-Schmalnau im Landkreis Fulda forderte gegenüber der hessenschau deshalb mehr als eine Honorarerhöhung: weniger Bürokratie und Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel. Außerdem kritisierte er die Versandapotheken, die sich bei dem Geschäft nur die Rosinen herauspickten.
Wer ist besonders betroffen?
Ude betonte, dass das Problem in Städten wie Frankfurt geringer sei, im ländlichen Raum aber größer. Das passt zu den Zahlen der Landesapothekerkammer: Von 421 hessischen Gemeinden haben 21 keine Apotheke und 174 nur eine. Statistisch versorgte nach Angaben des Statistischen Bundesamts, die die dpa zitierte, Ende 2023 eine Apotheke in Hessen rechnerisch 4.756 Einwohnerinnen und Einwohner. Im Bundesschnitt waren es 4.819, zehn Jahre zuvor bundesweit noch 3.909. Das zeigt, wie stark sich die Versorgungsdichte binnen eines Jahrzehnts verändert hat.
Warum gingen die Apotheken im März auf die Straße?
Am Montag, dem 23. März 2026, blieben viele Apotheken in Hessen wegen eines bundesweiten Protesttags geschlossen. Die ABDA rief dazu auf, um auf die aus ihrer Sicht chronische Unterfinanzierung aufmerksam zu machen. In Fulda kamen nach Angaben des Hessischen Apothekerverbands etwa 500 Menschen zu einer Kundgebung am Bahnhofsvorplatz, die Polizei schätzte rund 300. Der Verbandsvorsitzende Holger Seyfarth erinnerte daran, dass Apothekerinnen und Apotheker auch Kaufleute seien und ihre finanzielle Belastbarkeit durch unzureichende Vergütung strapaziert werde.
Gefordert wurde, das Fixum von 8,35 Euro auf 9,50 Euro anzuheben. Die Regierungskoalition hatte das vereinbart, aber zunächst aufgeschoben, weil die gesetzlichen Krankenkassen finanziell unter Druck stehen. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hatte angekündigt, die Anhebung anzugehen. Tatsächlich stieg das Fixum nach Angaben der Pharmazeutischen Zeitung am 1. Juli 2026 auf 9 Euro, zum Jahreswechsel soll es 9,50 Euro erreichen. Es ist die erste Honorarerhöhung seit 2013. Ob das die Schließungen bremst, ist offen: Die Fachpresse berichtet von einer Trendwende bislang nicht.
Was kannst du aus dieser Entwicklung mitnehmen?
Die Zahlen erklären, warum in manchen Orten die Apotheke fehlt, die es vor einigen Jahren noch gab. Sie bedeuten nicht, dass du in Hessen keine Arzneimittel mehr bekommst: Die Kammer sagt selbst, dass die Versorgung derzeit noch flächendeckend gesichert ist. Mit der Apothekensuche für Hessen kannst du nachsehen, welche Apotheken in deiner Nähe liegen. Für größere Städte lohnt sich ein Blick auf die Seiten zu Apotheken in Kassel oder Apotheken in Darmstadt. Auch das ApoGuru-Verzeichnis hilft, wenn du über Landesgrenzen hinaus suchst.
Wenn du in einer Gemeinde mit nur einer Apotheke wohnst, lohnt es sich, diese Apotheke bewusst als Stammapotheke zu nutzen. Frag nach, ob ein Botendienst möglich ist und wie lange Bestellungen von nicht vorrätigen Medikamenten dauern. So bist du bei Lieferengpässen besser vorbereitet.
Aktuell: Was die Reform seit Juli verändert hat
Seit dem Sommer gilt die Apothekenreform, und die Branche zieht erste Bilanzen. Der Hanauer Anzeiger berichtete am 7. Oktober 2026 über ein Gespräch der Apothekerin Daniela Kolb aus Hochstadt und Bischofsheim mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Pascal Reddig. Kolb, Delegierte im Hessischen Apothekerverein, nennt die Reform einen „Anfang“, der aber nicht reiche. Das Honorar steige in zwei Stufen, die zweite folge 2027. Der Kassenrabatt je Packung klettert von 1,77 auf 2,07 Euro, was sie kritisiert.
Erleichterungen soll es bei der Dokumentation und bei den Öffnungszeiten geben. Außerdem sollen mehr pharmazeutische Dienstleistungen von den Krankenkassen bezahlt werden. Nicht jede Apotheke werde alles anbieten, weil viele Leistungen Zusatzqualifikationen brauchen.
Zum Kern deines Themas sagte Kolb, sie erwarte nicht, dass die Reform die Schließungen kurzfristig stoppt. Sie könne den Beruf für junge Apothekerinnen und Apotheker aber attraktiver machen. Mehr zu den Zahlen dahinter findest du im Beitrag Wie weit ist der nächste Weg wirklich?.
Neu: So stand es im dritten Quartal 2026
Die Pharmazeutische Zeitung hat am 9. Oktober 2026 die Quartalszahlen der Apothekerkammern veröffentlicht. Für Hessen meldet sie im dritten Quartal eine Schließung und keine Neueröffnung. Insgesamt gab es damit 1.259 Apotheken. Die Zahlen hat die Zeitung bei den Kammern abgefragt, nicht aus allen Ländern lagen sie zum Redaktionsschluss vor. Welche Standorte es aktuell in Hessen gibt, siehst du auf der Karte mit allen Apotheken.
Quellen und weiterführende Links
- Bundesweiter Streik: Apotheken pochen auf mehr Honorar (hessenschau.de, 20.03.2026, aktualisiert 23.03.2026)
- Hessen: 45 Apotheken weniger in 2024 (APOTHEKE ADHOC (dpa), 01.03.2025)
- 34 Schließungen in Hessen im vergangenen Jahr (Pharmazeutische Zeitung, 30.01.2026)
- Zweites Quartal 2026: Keine Trendwende beim Apothekensterben (Pharmazeutische Zeitung, 13.07.2026)
- Daniela Kolb, Apothekerin aus Maintal, kämpft für die Apotheken vor Ort (Hanauer Anzeiger, 07.10.2026)
- Trotz höherem Fixum: Apothekensterben hält auch im dritten Quartal an (Pharmazeutische Zeitung, 09.10.2026)




















